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Die Doppelmoral der Beschützer

Veröffentlicht: Dienstag, 24. November 2015 18:46 Drucken E-Mail

Vor kurzem duefte sich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in einer weiteren Talkshow tief besorgt über die wachsende Zahl von Flüchtlingen und deren mögliche feindliche Gesinnung zeigen. Gut, das verwundert nicht, die CSU ist bekannt dafür, alles Fremde möglichst fern halten zu wollen und Angst vor dem Unbekannten zu schüren. So auch vor den Flüchtlingen aus Syrien und Umgebung. Herrmann machte deutlich, dass er am liebsten Keinen mehr aufnehmen würde. Die meisten Fremden sind ja Muslime und es könnten auch Islamisten und Terroristen unter ihnen sein. Davor wollen uns die CSU und ganz besonders Joachim Herrmann und Horst Seehofer beschützen. Am besten Alles raus aus Deutschland, raus aus Europa.

Verfolgt man die Politik der CSU etwas genauer, dann stellt man fest, dass diese Haltung nicht edel, sondern ziemlich verlogen ist. Zunächst einmal sind seitens der Neuankömmlinge bisher keine ernsthaften Straftaten bekannt, wohl aber von deutschen Rechtsextremisten. Darüber spricht man nicht, dagegen unternimmt man nichts. Es könnten ja CSU-Wähler darunter sein.

Weit schlimmer ist die bayerische Außenpolitik. Als wichtigste Unterstützer des so genannten "Islamischen Staates" gelten Saudi-Arabien und Katar. Die dort geltenden Gesetze sind mit denen des IS vergleichbar, brutal und menschenverachtend. Von Menschrechten und Gleichberechtigung keine Spur. Das Katar dafür mit einer Fußball-Weltmeisterschaft geadelt wird, konnten die Bayern nicht verhindern. Aber das Seehofer ausgerechnet in Saudi-Arabien eine bayerische Vertretung eröffnen will, zeugt von einer kaum zu glaubenden Doppelmoral. Im deutschen Fernsehen wettert man gegen diejenigen, die vor dem Terror des IS fliehen, und gleichzeitig kungelt man mit denen, die den IS direkt oder indirekt unterstützen. Die Saudis haben nun einmal Öl, das wir brauchen, vor allem nach der mislungenen bayerischen Energiewende, und sie kaufen gerne unsere Waffen und Luxusautos. Die Industrie erhofft sich dort Milliardenaufträge. Geld steht eben über Moral. Und plötzlich haben die bayerischen Katholiken keine Berührungsängste mehr mit islamischen Fundamentalisten. Hauptsache, es werden ein paar Arbeitsplätze gesichert und die Wirtschaft macht schöne Gewinne. Da wird der Terrorismus zur Nebensache. Die abendländischen Werte, die es angeblich zu verteidigen gilt, entpuppen sich als reine monetäre Werte, bei denen man im Morgenland durchaus Gemeinsamkeiten finden kann. So kann man die Wurzeln des Terrorismus nicht bekämpfen. Wer beschützt uns vor solchen Beschützern und ihrer dummen Politik?

 

Volkswagen ist ein Symptom

Veröffentlicht: Mittwoch, 14. Oktober 2015 17:19 Drucken E-Mail

Der Abgasskandal bei VW ist in seinen Ausmaßen bislang beispiellos. Beispielhaft, aber nicht im Sinne von vorbildlich, ist dagegen die Reaktion der Konzernzentrale. In Pressemitteilungen ließ sie, ebenso wie einige Manager, verlauten, dass nur einige "wenige kriminelle Ingenieure" für die Betrugsaffaire verantwortlich seien. Das zeugt von einer unglaublichen Naivität oder Arroganz der oberen Führungsebene, oder von beidem. Sie glaubt, sich durch Abwälzen von Verantwortung aus der Affaire ziehen zu können. Das ist eine Beleidigung für jeden seriösen Ingenieur, dessen gesamter Berufsstand diskreditiert wird, während jene, die durch direkte Anweisungen oder ihren Führungsstil dafür verantwortlich sind, ihre Hände in Unschuld waschen wollen.

Eine Software zu entwickeln, die falsche Abgaswerte an der Diagnoseschnittstelle ausgibt, ist noch relativ einfach. Algorithmen zu entwickeln, die erkennen, wenn sich ein Fahrzeug auf einem Rollenprüfstand in einem Norm-Testzyklus befindet, ist wesentlich aufwändiger. Dazu benötigt man Prüfstandszeit, Entwicklungskapazität und Geld. Es dürften mehrere 100000 € zusammenkommen. Das das in einem kostenbewussten Unternehmen wie VW ohne größere Begründungen auf unterer Ebene genehmigt würde, ist unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass es nicht die Software alleine ist, dann könnte man die Sache mit einem Update in der Werkstatt relativ schnell bereinigen. Bei einigen Baureihen müssen auch noch Abgaskomponenten eingebaut oder Einspritzanlagen umgebaut werden. Die wurden weggelassen, weil die Motorentwicklung sonst nicht die Kostenvorgaben hätte erfüllen können. Hier diente die Software der Vertuschung. Um das zu realisieren, müssen mehrere Abteilungen oder Bereiche zusammen arbeiten. Das erfordert eine Koordination auf höherer Ebene.

Es ging hier um mehrere wichtige, strategische Entscheidungen: Kostenziele einhalten, eine Motorengeneration rechtzeitig auf den Markt bringen, den amerikanischen Markt erobern. Solche Entscheidungen werden nicht von ein paar Entwicklern an der Basis getroffen, sondern im Top-Management. Es ist daher kaum vorstellbar, dass man dort nichts gewusst hat, zumal sich ein technisch versierter Vorstand wie Martin Winterkorn selbst für kleinste Details interessierte. Und man muss sich auch einmal fragen: Was wusste der Aufsichtsrat?

Wenn Manager über Vorgänge von solcher Tragweite nicht Bescheid wussten, dann haben sie ihre fürstlichen Gehälter nicht verdient. Wenn sie pauschal, ob in den Skandal verwickelt oder nicht, wie zuletzt der Nordamerika-Chef Michael Korn die Verantwortung auf Mitarbeiter in der Sachbearbeiter-Ebene abzuschieben versuchen, dann ist das erbärmlich und feige, denn dann will offenbar niemand daran gehen, die wahren Ursachen abzustellen.

Volkswagen ist ein Symptom, und kein Einzelfall. Getrickst und getäuscht wird in vielen Bereichen der Industrie. Der Fall VW ist allerdings ein besonders krasser, denn meistens wird mit legalen Tricks gearbeitet. Der Unterschied beim Spritverbrauch zwischen Prospektangaben und Wirklichkeit wird immer größer, weil die Fahrzeuge unter Bedingungen getestet werden dürfen, wie sie auf der Straße nie vorkommen. Waschmaschinen arbeiten mit niedrigeren Temperaturen als angegeben, um den Stromverbrauch zu reduzieren. Schlaue Fernseher erkennen das Norm-Testvideo und drosseln ihre Helligkeit, um Strom zu sparen. Unsere industriefreundliche Bundesregierung ist nicht ganz unschuldig daran, dass Vorschriften nicht verschärft werden. Während vieles davon noch legal sein mag, so ist der Betrug durch VW auch ein Symptom für ein krankes Wirtschaftssystem, in dem alles der Profitmaximierung untergeordnet wird. Auf die Mitarbeiter wird immer mehr Druck ausgeübt, auch unrealistische Ziele zu erreichen. Schriftliche Anweisungen braucht man dazu nicht unbedingt, es gibt andere Möglichkeiten. Daher wird sich der Skandal vermutlich auch nie vollständig aufklären lassen. Warum hat das Compliance-System, dessen sich VW so rühmt, jahrelang völlig versagt? Hatten Mitarbeiter, die etwas wussten, nicht den Mut, sich zu melden? Mussten sie eventuell Sanktionen befürchten? Wollte man an bestimmten Schaltstellen im Konzern nichts wissen? Wurden Hinweise ignoriert und Mitarbeiter auf andere Stellen versetzt?

Die Hemmschwelle, Regeln und Vorschriften zu missachten, ist um so niedriger, je stärker die eigene Karriere und das eigene Gehalt an das Erreichen bestimmter Ziele geknüpft sind. Die Art von Management-Denken "Ich will, dass das Ziel erreicht wird, es ist mir egal, wie ihr das schafft" ist in vielen Konzernen verbreitet. Die Angst um den Job lässt sich gut ausnutzen. Wenn du es nicht machst, macht es ein Anderer. Das an diesen Vermutungen etwas dran sein könnte, wird durch die Tatsache gestützt, dass VW für aussagebereite Mitarbeiter eine Art Kronzeugenschutz einrichten will. Mit einem funktionierenden Compliance-System wäre das nicht nötig.

Tricksereien sind nicht nur eine Folge krimineller Energie, sondern auch ein Folge eines immer härter werdenden internen und externen Wettkampfs. In so manchem Unternehmen nennt man gewisse Führungsebenen daher auch "Haifischbecken". Es ist an der Zeit, diese Unkultur infrage zu stellen anstatt sie als Schlüssel zum Erfolg zu sehen.

 

Der Münchner Komödienstadl

Veröffentlicht: Mittwoch, 24. Juni 2015 17:15 Drucken E-Mail

Ich habe schon einiges über die bayerische Landesregierung geäußert, und doch schafft sie es immer wieder, noch einen drauf zu setzen. Dabei meine ich jetzt gar nicht das Maut-Desaster. Nein, es geht wieder einmal um Energie und was damit zusammen hängt. Das Horst Seehofer mit seinen Wendungen mehr Energie erzeugt als jede Energiewende, wissen wir ja bereits. Nun kommt, für alle völlig überraschend, wieder eine Lieferung Atommüll aus den Aufbereitungsanlagen zu uns zurück und damit auch die Frage "wohin damit?".

Eigentlich sollte hier wie anderswo auch das Verursacher-Prinzip gelten. Bayern ist für etwa ein Viertel des gesamten deutschen Atommülls verantwortlich. Mit dem möchte man in München aber nichts zu tun haben. Bayern will tatsächlich genau kein einziges Fass abnehmen. In der CSU und untern ihren Anhängern gibt es so manchen, der gerne die Atomkraft weiter ausbauen würde "statt des Ökozeigs". Um den daraus resultierenden Müll sollen sich dann bittschön andere kümmern. Und dann macht man noch auf empört, weil die anderen Länder das nicht gut finden. Die Begründungen, besser Ausreden, für die Ablehnung aus München bewegen sich irgendwo zwischen amüsant und dummdreist:
"Es haben sich schon drei Länder bereit erklärt, einen Teil des Atommülls aufzunehmen. Wenn man den (bayerischen) Rest auch noch auf die verteilen würde, wäre es doch gerecht aufgeteilt." (Wenn wir das Fleisch bekommen und die andren die Knochen, dann ist das gerecht)
"In Bayern gibt es kein geeignetes Zwischenlager und wir hatten auch noch keine Zeit, eines zu finden." (Wer konnten auch ahnen, dass Kernkraftwerke Abfall produzieren, der hunderttausende von Jahren gelagert werden muss?)
"Die Castor-Behälter kommen doch in Norddeutschland an, da wäre es doch unsinnig, sie durchs ganze Land zu transportieren, wo sich unterwegs überall Proteste gibt und die Gegner anketten." (Wie nett von den Bayern, sich sorgen um die Atomkraft-Gegner zu machen)

"Bayern Vorreiter bei der Energiewende" heißt es auf der Homepage der Staatsregierung. Und was wird nun daraus? Preißischen Strom will man nicht, schon gar nicht, wenn er durch Leitungen fließt. Der Ausbau der Windkraft ist faktisch gestoppt, Stau- oder Speicherseen will man auch keine. Bayern entwickelt sich zu einem Industrieland, dass versucht, mit den Mitteln eines Agrarlandes zu leben. Franz Josef Strauß hätte vermutlich längst heimlich einen Deal mit Putin über Gaslieferungen eingefädelt. Horst Seehofer und Ilse Aigner sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Angesichts dieser bayerischen Selbstherrlichkeit kann man den anderen Bundesländern nur raten, ihren Strom zu behalten und die Industrie aus Bayern dorthin zu locken, wo es eine sichere Versorgung gibt, und den Bayern ihren Atommüll vor die Staatskanzlei zu kippen.

Zu klären wäre dann nur noch, ob die Landesregierung diesen populistischen Unfug deswegen betreibt, weil sie von anderen Unfähigkeiten, Pannen und Affairen ablenken will oder weil der gute Engel Aloisius, der Münchner im Himmel, noch immer im Hofbräuhaus hockt und der bayerischen Staatsregierung die göttlichen Ratschläge nicht zustellt. Ich bin immer mehr überzeugt, dass viele Bayern die CSU nur deswegen wählen, weil sie auch außerhalb von Sommerloch und Starkbierzeit einen gewissen Unterhaltungswert hat.

 

Danke, Franziskus!

Veröffentlicht: Mittwoch, 24. Juni 2015 16:08 Drucken E-Mail

Wie kommt ein gläubiger Atheist dazu,  einem katholischen Papst zu danken? Nun, wenn aus dem als eher rückwärtsgewandt bekannten Vatikan einmal moderne und vernünftige Ansichten kommen, muss das auch anerkannt werden. In seiner neuen Enzyklika "Laudato Si" weist Papst Franziskus nicht nur auf auf die Gefahren durch die Übermäßige Nutzung sozialer Medien hin. Sein Hauptanliegen ist diesmal der Umwelt- und Klimaschutz. Endlich macht einmal ein Kirchenoberhaupt darauf aufmerksam, dass zum "Bewahren", und das bedeutet "konservativ sein" nun einmal, nicht nur die Bewahrung unseres zumindest in den Industrieländern hohen Lebensstandards gehört, sondern auch die Bewahrung der Schönheit unseres Planeten samt seiner nichtmenschlichen Bewohner. Endlich sagt ein Papst einmal klar und deutlich, dass unsere derzeitige Wirtschaftsform längerfristig zur Zerstörung der göttlichen Schöpfung führen wird. Das Bibel-Wort "Macht euch die Erde untertan" heißt nicht "Macht die Erde unwiderbringlich kaputt." Überzeugte Christen sollten die Natur als einen Teil der Schöpfung begreifen und nicht als Selbstbedienungsladen für die vermeintliche "Krone der Schöpfung".
"Wenn jemand von außerhalb der Erde unser Treiben beobachten würde, dann würde er sich sehr über unser Treiben wundern", schreibt Franziskus sehr zutreffend. Dem kann man nur zustimmen. Wer um des kurzfristigen Profits willen seine Lebensgrundlage zerstört, macht keinen wirklich intelligenten Eindruck. Ein Papst als Anwalt der Umwelt- und Naturschützer, wer hätte das gedacht? Hoffentlich findet er ausreichend Gehör, denn es ist höchste Zeit, sich neu zu besinnen.
Spannend wird es nun zu sehen, wie die katholisch-konservativen Kreise und die politischen Parteien, die sich auf das Christentum berufen, auf den Aufruf des Papstes reagieren werden. Unter diesen gibt es ja etliche bekennende "Ökohasser". Daran wird sich zeigen, wie stark die Kirche noch ist und wie ernst es viele ihrer Mitglieder mit dem Glauben wirklich meinen. Respekt vor der Schöpfung - oder doch lieber Bequemlichkeit? Auf jeden Fall kann man ihm glauben, dass er es mit seinem Weckruf ernster meint, als die vielen Politiker mit ihren Lippenbekenntnissen. Dieser Aufruf war notwendig. Danke, Franziskus!

Aigner im Energierausch

Veröffentlicht: Donnerstag, 21. Mai 2015 18:02 Drucken E-Mail

Das war wohl nichts! In ihrem vergeblichen Bemühen, Horst Seehofers "Trassenkampf" in geordnete Bahnen zu lenken, hat sich Wirtschafts- und Energieministerin Ilse Aigner nun endgültig lächerlich gemacht. Bayern möchte bekanntlich zwar Energie haben, aber keine Kraftwerke und vor allem keine Stromtrassen. Aigners neuer Lösungsansatz, die Trassen einfach in die angrenzenden Bundesländer zu verschieben, wurde zum Rohrkrepierer. Ihre Trassenformel "2-x", d. h. zwei, die benötigt werden würden, minus dem, was vielleicht doch nicht notwendig wäre, ist nun aufgelöst: x=2. Keine Trassen durch Bayern. So wollte es schon Ministerpräsident Seehofer. Da x aber kleiner als 2 sein muss, damit Strom aus dem Norden nach Bayern fließen kann, heißt die Lösung nun: x=0, aber x außerhalb Bayerns. Im Klartext: Die unschönen Starkstromleitungen sollen durch Hessen und Baden-Württemberg führen und Bayern wird dann dezentral angebunden. Den Kuchen genießen wollen, aber das lästige Backen auf Andere abwälzen? Der Versuch des Trassen-Outsourcings kam jedenfalls nicht gut an.
Mein Vorschlag für die betroffenen Bundesländer: Nehmt soch eine Trassenmaut für Strom, der nach Bayern will! Dort hat man eine Schwäche für sowas.

Erreicht hat Aigner damit zweierlei: Sie wird kaum noch ernst genommen, und ihr Mitbewerber um das Amt des Ministerpräsidenten, Markus Söder, hat nun so gut wie gewonnen.