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Die Reynevelder Chronik

Von Reynevelde nach Reinfeld - Ein Spaziergang durch die Reinfelder Geschichte

2., vollständig überarbeitete Fassung, 2009 - 2011, mit Ergänzungen 2017

 

 

Vorwort

„Die Reynevelder Chronik", ein Überblick über die Geschichte der Karpfenstadt Reinfeld, habe ich zunächst für die Werbe- und Informationszeitung „Reinfeld Aktuell" zum damaligen 800-jährigen Jubiläum der Stadt geschrieben. Sie erschien in den Jahren 1985-1986 in mehreren Folgen. Fast 25 Jahre später habe ich das Manuskript „wiederentdeckt" und angefangen, es vollständig zu überarbeiten und in eine moderne und internettaugliche Fassung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit habe ich einiges erweitert, was damals dem chronischen Platzmangel einer Zeitung zum Opfer fiel, ein paar Fehler korrigiert sowie neue Erkenntnisse und Informationen eingearbeitet.

 

So konnte die 2. Version zum 825. Jubiläum online gehen. Sollten sich hier und da weitere neue Gesichtspunkte ergeben, werden sie bei Gelegenheit einfließen. Die vorliegende Chronik enthält längst nicht alle Details der Reinfelder Geschichte. Sie soll kein umfassendes Geschichtslexikon sein, sondern eine verständliche Einführung in die Geschichte der Stadt geben. Ich habe deshalb darauf verzichtet, alle Äbte, Herzöge oder Bürgermeister aufzuzählen. Das kann man in anderen Quellen nachlesen. Ich habe mich darauf konzentriert, die Ereignisse und Personen aufzuführen, die für die Entwicklung Reinfelds besonders wichtig waren.
 
Ich hoffe, mit dieser Chronik vor allem Reinfelder Neubürgern die interessante und abwechslungsreiche Geschichte ihrer neuen Heimatstadt näher bringen zu können. Ich selbst lebe heute zwar in Bayern, bin aber in Reinfeld geboren und aufgewachsen und verfolge die Entwicklung dort noch immer.
 
Ingo Sarp, Thalmassing, 2011/2017
 
Aktualisierungen auf: www.sarp-online.de

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Aus der Frühzeit
2. Die Entstehung des Klosters
3. Der Aufstieg des Klosters
4. Das Ende der Klosterzeit
5. Die Plöner Herzöge
6. Die Entwicklung des Dorfes Reinfeld
7. Die Zeit der Dänen und der Preußen
8. Vom Flecken zur modernen Stadt
9. Quellen
 

1. Aus der Frühzeit

Die Stadt Reinfeld verdankt ihre Existenz dem Umstand, dass hier vor über 800 Jahren (genauer: 1186 n. Chr.) ein Kloster gegründet wurde. Von dem Kloster ist nichts mehr übrig, nur einige Straßen- und Flurnamen sowie die Teiche und die Karpfenzucht erinnern noch daran. Doch die Geschichte der Region beginnt viel früher. Lange bevor das Kloster „Reynevelde“ gegründet wurde, war der Raum Nordstormarn durchaus nicht unbesiedelt. Viele der heutigen Dörfer gab es auch damals schon, einige von ihnen entstanden bereits in der Bronzezeit. Manche der alten Siedlungen sind inzwischen wieder verschwunden, nur wenige Flurnamen sindHuenengrab bei Reinfeld von ihnen geblieben. Die ersten Menschen dürften vor etwa 15000 Jahren, gegen Ende der letzten Eiszeit, als Rentierjäger das heutige Stormarn durchstreift haben. Aus dieser Zeit gibt es nur sehr wenige Funde. Erst zum Ende der Steinzeit, etwa 2000 v. Chr., wurde die Besiedlung dichter, vor allem entlang der Trave und des Heilsautales, wo sich der Boden leichter bebauen ließ. Aus jener Zeit stammt auch das Hünengrab im „Neuen Hau“ bei Reinfeld, das letzte erhaltene in dieser Gegend, wenngleich inzwischen restauriert. Einige weitere gibt es noch bei Grabau. Wie die Funde zeigen, hielt die Bronze in Norddeutschland nur sehr zögerlich Einzug, doch schon bald brachten es die Handwerker auf dem Gebiet der Metallbearbeitung zu größter Geschicklichkeit. Zur Zeit der ersten Völkerwanderung, etwa 120-100 v. Chr., kam es zu einem weiteren Anstieg der Bevölkerungsdichte. Aus Schweden kamen die Sueben, aus Jütland die Kimbern und Teutonen. Sie wanderten weiter gen Süden, wo sie bald mit den Legionen Cäsars zusammenstießen. Rund 500 Jahre später schlossen sich viele Stormer und Sueben der zweiten Völkerwanderung in Richtung Süden, Südosten und Westen an. Als wahrscheinliche Ursache wird eine große Hungersnot angenommen, die durch klimatische Veränderungen entstand. Die Wildnis gewann wieder die Herrschaft über viele Siedlungen. Im 6. Jahrhundert wanderten aus Westen Sachsen in das leer gewordene Land ein. Um 700 n. Ch. drangen westslawische Stämme, die hier Wenden genannt wurden, aus Osten bis zur Trave vor. Die Wenden breiteten sich bald östlich einer Linie von der Ostsee bis nach Nordbayern aus. Für ihre Hilfe bei der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen erhielten sie 804 Land zugeteilt. Sie gründeten viele Siedlungen, die noch heute bestehen und deren Namen slawischen Ursprungs sind, z. B. Barnitz (Birkenbach), Pokense (Habichtswald, heute Poggensee), Pöhls (Feldheim), Dahmsdorf (wahrscheinlich von Dabu = Eiche), Cerben (heute Zarpen). Der Hauptstamm der Wagrier besiedelte schließlich den ganzen Raum zwischen der Trave bei Hamberge und der Kieler Förde. Noch heute heißt der Ostholsteiner Raum nördlich von Lübeck "Wagrien". Ein Grenzwall, der „Limes Saxoniae“, trennte die germanisch-stämmigen und die slawischen Völker voneinander. Trotzdem gab es bis ins 12. Jahrhundert hinein häufige Unruhen. Zeiten friedlichen Miteinanders wechselten sich mit Überfällen und Plünderungen ab. Erst im Winter 1138/39 gelang es den Stormarnern und Holsteinern in einem Rachefeldzug unter der Führung des Ritters Heinrich von Badwide im Auftrag des Grafen Adolf II. von Holstein, die Slawen endgültig zu unterwerfen und zum Teil zu vertreiben. Der Graf bekam Wagrien als Lehen zugeteilt und begann, deutsche Bauern aus dem Süden und Südwesten nach Süd- und Ostholstein zu holen, um das Land dort neu zu besiedeln. Sie gründeten auch in Stormarn neue Dörfer und Gemeinden wie z. B. Ratzbek, Feldhorst (ehemals Steinfeld), Willendorf, Stubbendorf und Rehhorst. Neue Dörfer, die in der Nähe alter slawischer Siedlungen entstanden, erhielten oft zur Unterscheidung Vorsilben wie „Neu“ oder „Groß“, während die alten Siedlungen mit „Alt“ bzw. „Klein“ gekennzeichnet wurden. (Beispiele: Groß- und Kleinbarnitz, Neuen- und Altengörs). Manchmal wurden die ursprünglichen Bewohner aber auch vertrieben, wenn ihr Dorf auf dem besseren Boden stand.
Doch das Gebiet an der unteren Heilsau blieb weiterhin ein unbewohnter Sumpf. Um hier die Grundlage für eine Ansiedlung zu schaffen, brauchte man Fachleute, die mit wasserbautechnischen Aufgaben vertraut waren, die Urwälder kultivieren und Sümpfe trocken legen konnten. Das waren die Mönche des Zisterzienser-Ordens. Dieser hatte sich von den Benediktinern abgespalten, weil jene ihnen zu weltlich wurden. Eine ihrer Ordensregeln verlangte, dass neue Klöster nicht in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Siedlungen errichtet werden sollten. Graf Adolf III., der die Politik seines Vorgängers weiter verfolgte, bot daher im Jahre 1186 den Mönchen des Klosters Loccum am Steinhuder Meer, etwa 50 km westlich von Hannover, das freie Land für die Gründung einer neuen Abtei an. Auf dem noch heute so genannten Klosterberg bauten sie ihre erste Kapelle und Unterkünfte und legten damit den Grundstein für eine Arbeit, die das Bild der Reinfelder Umgebung nachhaltiger beeinflussen sollte als jede andere Siedlergruppe.

 

2. Die Entstehung des Klosters

Die erste kleine Ansiedlung auf dem Klosterberg entsprach noch nicht den strengen Ordensregeln der Zisterzienser. Die Gebäude bestanden anfangs nur aus Holz, aber einfache Wohn- und Schlafräume sowie eine kleine Kapelle waren zunächst vorrangig. Nun gingen die Mönche daran, am Ufer der Heilsau ein Stück Land trockenzulegen und urbar zu machen, auf dem anschließend die endgültige Klosteranlage entstehen sollte. Entsprechend den Ordensregeln sollten die Mönche nicht in Städten, Burgen und Dörfern, sondern fern von Menschen an vom Verkehr unberührten Orten siedeln. Sie waren also weitestgehend auf sich gestellt. Die Arbeiten nahmen mehrere Jahre in Anspruch. Riesige Mengen Baumaterials mussten mühselig herangeschafft werden. Die Ziegel für die Mauern wurden in einer eigenen Ziegelei gebrannt. Wie wir noch sehen werden, hatte die Lage an der heutigen Klosterstraße / Ecke Heimstättenstraße einen besonderen Vorteil, den sich die Mönche bald zunutze machten.
Das Gründungsjahr 1186 ist in mehreren Chroniken vermerkt. So heißt es in der Rostockschen Chronik "Da man schref MCLXXXVI , da ward Reinfeld begrepen van Munken". In den "Hamburger Annalen" ist der genauere Ort an der Heilsau bezeichnet, auch im "Zistercien Buch" findet sich das Jahr 1186. Der "Franciscaner Lesemeister Detmar", der im 14. Jahrhundert die Ereignisse im heutigen Nordelbingen dokumentierte und ältere Urkunden seit 1100 sammelte, bemerkt dazu kurz und knapp "In deme iare cristi MCLXXXVI do wart in deme biscopdome to lubeke stichtet dat closter to reynevelde, dat warde buwet int vifte iar; do wart de convent van grawen moneken dar vorgadderet." Drei Jahre später wurde das dem Kloster zuerkannte Land festgelegt. Die Schreibweise des Namens hat sich mehrfach geändert, auch "Reynevelt" wird erwähnt, "Reynevelde" taucht jedoch am häufigsten auf.
Es sind insgesamt fünf Stiftungsurkunden bekannt, drei gräfliche und zwei kaiserliche. Die erste wurde von Kaiser Friedrich l. Barbarossa in der damaligen Reichshauptstadt Regensburg am 10. Mai 1189 besiegelt und gilt als verschollen, es existiert aber eine glaubhafte Abschrift. Sie bestätigt im Wesentlichen dem Grafen Adolf III. von Wagrien, Holstein und Stormarn, dass er das Land zwischen Lübeck und Oldesloe zur Ansiedlung eines Klosters nutzen darf. Die anderen Urkunden wurden von Graf Adolf 1189 unterzeichnet und legen genau fest, wo die Grenzen des Klosterbesitzes verlaufen. Die dritte gräfliche Urkunde ist allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fälschung, die vermutlich erst gut 100 Jahre später angefertigt wurde. Möglicherweise sollten damit im Laufe der Zeit gewachsene Ansprüche des Klosters nachträglich gerechtfertigt werden.
Der Ursprung des Namens Reynevelde oder Reinfeld ist nicht zu 100% geklärt. Die Thesen, wonach er an Ursprünge am Rhein erinnert oder auf die Schutzpatroninnen Agnes und Maria zurückgeht, die auch für Reinheit und Keuschheit stehen, sind weniger plausibel. Am wahrscheinlichsten ist es, dass der Name aus dem lateinischen Klosternamen "purus campus" abgeleitet wurde. "Purus bedeutet rein, frei und campus steht für Feld, Ebene, Gegend. Der Name "purus campus" findet sich in Klosterverzeichnissen des Zisterzienser-Ordens, während ein Ort "Reynevelt" auch im lateinischen Text der Urkunden genannt wird.

Im November 1190 war die provisorische Anlage soweit fertiggestellt, dass mit dem ersten Abt Hartmannus, zwölf Mönchen und vermutlich ebenso vielen Laienbrüdern ein Konvent begründet konnte, um den regulären Betrieb des Klosters aufzunehmen. Die endgültige Anlage mit ihren steinernen Gebäuden, den Gärten und der großen Kirche wurde erst 1237 vollendet und durch den Lübecker Bischof Johannes geweiht.

 Wie mag nun das Klostergelände ausgesehen haben? Baupläne oder Zeichnungen des unbekannten Baumeisters sind leider nicht erhalten geblieben. Da aber die Zisterzienser ihre Kirchen alle im selben Stil errichteten und einzelne Steine und Fliesen gefunden wurden, lassen sich recht genaue Vermutungen über die Form anstellen. Sie dürfte der noch heute bestehenden Klosterkirche des Mutterklosters Loccum sehr ähnlich gewesen sein, so dass wir uns ihr Aussehen gut vorstellen können. Die Kirche hatte einen langen, nach Osten gestreckten Grundriss mit einem zum Herrenteich hin geraden Chorabschluss. Ein steinerner Glockenturm galt als unnötig und war sogar verboten. So hat auch die hiesige Klosterkirche auf dem Schnittpunkt von Längs- und Querschiff nur einen hölzernen Dachreiter mit einer Glocke getragen. Mit Sicherheit war der Bau durch feine Ornamente nach Pflanzenmotiven verziert und besaß einen Fußboden, dessen glasierte Fliesen mit Einlegearbeiten versehen waren. Das Modell im Heimatmuseum vermittelt einen Eindruck davon, welche bauliche Meisterleistung hier vollbracht worden war. Die Klosteranlage erstreckte sich über das Gebiet zwischen Claudiusstraße, Schulteich, Müllerwiese und den Hellern. Neuere Funde, die bei Tiefbauarbeiten gemacht wurden, zeigen inzwischen, dass die Klosteranlage tatsächlich etwas anders ausgesehen hat.
Der Schulteich ist wahrscheinlich erst sehr viel später angelegt worden.

Kloster Reynevelde

Modell des Klosters Reynevelde

 

Die Regeln des Ordens verboten den Mönchen den Genuss von Fleisch. Fisch war ihnen jedoch erlaubt und so legten sie im Laufe der Jahre zahlreiche Teiche für die Fischzucht an, indem sie Bäche aufstauten. Dafür bot sich besonders das kleine Tal neben dem Kloster an, das wir heute als Herrenteich kennen. Trotzdem waren umfangreiche Erdarbeiten notwendig, die von den wenigen Klosterbrüdern (1313 wurden 24 Bewohner registriert) in mühevoller Handarbeit zu bewältigen waren. Das Aufschütten der Dämme von Schulteich, Herrenteich und Neuhöfer Teich mag rund 20000 m³ Boden erfordert haben. Dieser wurde durch Ausschachtungen der Zuchtteiche (Hellern) und des unteren Neuhöfer Teiches gewonnen und zum Staudamm geschafft, auf dem heute der untere Abschnitt der Matthias-Claudius-Straße verläuft. In der Blütezeit des Klosters sollen es rund um Reinfeld 40 - 60 Teiche gewesen sein, die überwiegend mit Edelfischen und Spiegelkarpfen besetzt waren. An einige erinnern noch Straßen- oder Ortsnamen wie Bischofsteicher Weg und Mönchteich zwischen Reinfeld und Bühnsdorf. Der Name "Herrenteich" ist wahrscheinlich im Volksmund aufgekommen. Viele Mönche waren edler Abstammung und wurden daher als "Herren" bezeichnet. So schufen die Mönche im Laufe der Jahre eine neue Landschaft mit blitzenden Teichen, die bis heute charakteristisch ist und immer wieder Ausflügler anzieht. Schon 1850 konnte man in einem frühen „Reiseführer“ lesen: „Reinfeld, […], ist an dem Ausflusse der Heilsau aus dem Herrenteich in der Nähe der Chaussee von Oldesloe nach Lübeck höchst malerisch gelegen“.
 

3. Der Aufstieg des Klosters

Schon sehr bald begann die Reinfelder Abtei, ihren Einflussbereich auszudehnen. Mit dem Bau der Zarpener Pfarrkirche (1221) wurde die Bevölkerung der Umgebung enger an das Kloster gebunden. Zehn Jahre später erwarb das Kloster Anteile an der Lüneburger Saline, eine Verbindung, die sich später als überaus einträglich erweisen sollte. Vier so genannte „Vorwerke“, kleine Höfe, entstanden außerhalb des Klostergeländes. Sie unterstützen die Mönche bei ihrer Arbeit und der Produktion von Lebensmitteln. Die beiden nächstgelegenen waren der Steinhof und der Neuhof. Die Zisterzienser beschäftigten sich kaum mit geistigen oder wissenschaftlichen Dingen. Für sie galt die Arbeit als Gottesdienst getreu ihrem Motto „ora et labora, bete und arbeite“. Entsprechend emsig weiteten sie Felder und Äcker aus. Sümpfe wurden trockengelegt und Wälder gelichtet. Dabei entstanden auch neue Siedlungen wie die zahlreichen "Kamps" (von lat. Campus = Feld), z.B. Lehmkamp, Poggenkamp, Hohenkamp, Binnenkamp, Heidekamp. Große Hilfe bei der Bebauung der Felder leisteten neben den Laienbrüdern auch die freien Bauern aus der Umgebung des Klosters. Wo die eigene Arbeitskraft nicht mehr ausreichte, wurden Ländereien verpachtet. Zwar verstieß das Einnehmen von Pachtzins gegen die Ordensregeln, aber die Klosterbrüder fanden offenbar zunehmend Gefallen an irdischen Gütern. Gleichzeitig wurden freundschaftliche Beziehungen zur Stadt Lübeck geknüpft. Im Jahre 1266 erhielt die Abtei die Genehmigung, innerhalb der Lübecker Stadtmauer an der Marlesgrube einen "Reinfelder Hof" zu errichten. Mitte des 14. Jahrhunderts entstand daraus die Siedlung "Klein Reinfeld" an der Obertrave, die zum Mittelpunkt der klösterlichen Handelsbeziehungen wurde. Bald schon begannen die Mönche auch, in einigen der umliegenden Dörfer sowie am Ablauf des Herrenteichs Wassermühlen zu bauen, in denen Getreide gemahlen wurde. Daraus bezogen sie, entgegen der Ordensregel, zusätzliche Einnahmen. Überschüssige Ernteerträge wurden über die damals schiffbare Mühlenau mit Lastkähnen nach Lübeck verfrachtet und in den "Klein Reinfelder" Kornspeichern gelagert. Ein Teil wurde von dort aus sogar nach Dänemark und Schweden verschifft. Die oft sehr hohen Gewinne aus Getreideverkäufen, Pachten und der Saline legten die Äbte vorausschauend in Grundbesitz an. Auf diese Weise sowie durch Erbschaften und Schenkungen erwarb das Kloster immer mehr Höfe, Mühlen, Güter und sogar ganze Dörfer. Bis 1347 waren dies in der Nähe Klein Wesenberg, Badendorf, Havighorst, Benstaben, Neuengörs, Meddewade, Seefeld, Bahrenhof und Bühnsdorf. Hinzu kamen Besitzungen auf den Elbinseln, in Lauenburg, Ostholstein, Mecklenburg, Pommern und sogar in Livland (heute Estland und Lettland). In der Blütezeit gehörten fast 60 Ortschaften zum Einzugsgebiet des Klosters. Damit war das Reinfelder Kloster das reichste und mächtigste Kloster im Holsteiner Land. Zudem erhielt das Kloster eine Reihe von Privilegien. Durch den Papst Innozenz IV. wurde dem Reynevelder Abt 1254 die Sorge für die Aufrechterhaltung des von den Lübeckern bestätigten kaiserlichen Freiheitsprivilegs übertragen. Drei Jahre später erhielt der Abt den Auftrag, nie zu gestatten, dass Lübecker Bürger ohne päpstliches Spezialmandat vor auswärtige geistliche Gerichte zitiert noch die Stadt selbst mit Bann belegt würde. Damit gewann die Stellung des Klosters gegenüber der Hansestadt und die des Abtes gegenüber dem Lübecker Bischof noch einmal an Bedeutung. 1419 wurde das Kloster gar von der Unterstellung unter den Bischof von Lübeck befreit. So gesehen, scheinen die Päpste in Rom mit dem Treiben der Mönche an der Heilsau durchaus einverstanden gewesen zu sein. Einziger Dorn im Auge der Äbte war Zarpen geblieben, das Mitte des 13. Jahrhunderts zur Stadt geworden war. Die Einwohner sorgten besonders im Bereich der Waldwirtschaft für immer neue Schwierigkeiten. Erst 1473 konnte Abt Johannes II. König Christian I. dazu überreden, durch das Edikt von Segeberg die „Stadt Lübischen Rechts Zarpen“ für immer zum Dorf zu erniedrigen.

 

4. Das Ende der Klosterzeit

Sein höchstes Maß an Einfluss und Ansehen erlangte das Kloster unter der Herrschaft des Abtes Friedrich (1432-1460). Doch der Niedergang der Abtei an der Heilsau deutete sich bereits an. Die geistlichen Ideale traten mehr und mehr in den Hintergrund. Neben der hoch entwickelten Fischzucht, deren Ergebnisse ebenso  schmackhaft wie einträglich waren, beherrschten die Mönche auch die Kunst des Bierbrauens. Ob am „Weinberg“ allerdings tatsächlich auch Messwein angebaut wurde, ist nicht belegt. Eine andere Deutung des Namens besagt, dass an dieser exponierten Stelle einst die Wenden ein Lager, einen Aussichtsposten oder einen Festplatz eingerichtet hatten und daher aus dem „Wendenberg“ über „Wennenberg“ und „Wenberg“ schließlich „Weinberg“ wurde. Funde, die darüber Aufschluss geben würden, wurden bisher nicht gemacht. Ein dem Kloster angegliederter Krug, die "Klowenborg" oder "Klauenburg", der sich wohl schräg gegenüber der Einmündung Schoenaichstraße/Ahrensböker Straße befand, versorgte nicht nur die Landarbeiter und die Reisenden mit dem Gerstensaft. Von höchster Stelle wurden mehrfach Zechgelage der Klosterinsassen gerügt. Auch für das wiederholte Fernbleiben von Gottesdiensten mussten Strafen ausgesprochen werden, z.B. Kürzungen der Brot- und Bierzuteilungen. Es wird sogar von Unterschlagungen von Pachtgeldern berichtet. Auch im Kloster war also nicht immer alles Gold, was dort glänzte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann die Leidenszeit des Klosters. Hatte man früher oft hochgestellte Persönlichkeiten wie Grafen und Könige zu Gast, so bekam man nun reichlich Schwierigkeiten mit ebendiesen. 1510 und während der sog. "Grafenfehde" 1534 wurde das Kloster von den Lübeckern geplündert und gebrandschatzt. Hinzu kam, dass König Friedrich II. den Klöstern immer neue Steuern auferlegte, um seine Kriegs - und Staatsschulden zu decken. Die Reynevelder mussten viele ihrer Besitzungen verkaufen. Außerdem isolierte sich das Kloster zunehmend gegenüber der übrigen Bevölkerung, nachdem die Reformation in Norddeutschland immer mehr Anhänger fand, während die Abtei noch streng katholisch blieb. Bereits 1524 wurde im benachbarten Oldesloe lutherisch gepredigt, 1544 stellte auch die Zarpener Gemeindekirche einen evangelischen Prediger ein. Mit zunehmender Verbreitung des Protestantismus im Norden schwand die Bedeutung des Klosters. Um 1540 lebten hier nur noch 20 Mönche, 100 Jahre zuvor waren es noch 50 gewesen. 1550 gaben die Reynevelder gezwungenermaßen ihre ablehnende Haltung auf. Mit dem Besuch des Dänenkönigs Friedrich II. an der Heilsau im Jahre 1579 geht die fast 400-jährige Ära der Abtei endgültig dem Ende entgegen. Am 12. April 1582, sinnigerweise ein Karfreitag, wurde das Kloster Reynevelde den Abgesandten des Königs übergeben. Der 38. Abt Johannes Kugle, dem allerdings wenig Gutes nachgesagt wird, musste abdanken. Damit geriet der nordstormarnsche Raum vollständig unter den Einfluss der Herzöge von Schleswig-Holstein-Schaumburg-Plön, die die Landesregierung innehatten. Das nun bedeutungslose Kloster Reinfeld wurde 1599 unter Herzog Johann dem Jüngeren abgerissen, nur die Kirche blieb stehen. Für Reinfeld begann ein neues wichtiges Kapitel der Geschichte.

 

5. Die Plöner Herzöge

Der neue Plöner Herzog Johann der Jüngere liebte die Pracht. Seine Residenz war das Schloss am Plöner See, doch auch in Ahrensbök ließ er nach Abbruch des dortigen Klosters ein Schloss errichten. Ebenfalls aufgehoben wurde das Ruekloster an der Flensburger Förde. An seiner Stelle entstand das bekannte Wasserschloss zu Glücksburg. So ist es nicht verwunderlich, dass auch in Reinfeld aus den Trümmern des Klosters am Hausgraben (Schulteich) ein prächtiges Schloss entstand. Nach fünfjähriger Bauzeit wurde der Vierflügelbau 1604 fertiggestellt. Das Gebäude war etwa 50 m lang und 60 m breit und von einem Wassergraben vollständig umgeben. Von Norden her führte eine lange Brücke über den Graben in den 500 m² großen Innenhof. Das Schloss, an dessen Stelle heute die "Alte Schule" steht, war von ausgedehnten Gärten umgeben. Im Nordwesten entstand der "Neue Garten", der ehemalige Klostergarten hieß nun "Alter Garten". Die Gärten hatten durchaus auch einen praktischen Nutzen: sie versorgten die Schlossküche mit Kräutern und Gemüse. Im Südflügel des Gebäudes war die „Amtsbierbrauerei“ untergebracht. Reinfelder Schloss. Da es vom Schloss Baupläne und Zeichnungen gibt, konnte für das Museum ein originalgetreues Modell nachgebaut werden. Uneinigkeit herrscht noch über den Verlauf des Wassergrabens, der vermutlich wie beim Ahrenburger Schloss direkt an das Gebäude reichte. Vielleicht entstand in dieser Zeit auch der "Hausgraben", heute Schulteich.

Reinfelder Schloss

Das herzogliche Schloss zu Reinfeld

 

Die das Klostergebiet umgebenden Waldungen wurden eingezäunt. Als "Herzoglicher Thiergarten" erstreckten sie sich von der Steinfelder Hude bis Stubbendorf und von Lokfeld bis Heidekamp. Die alten Wege wurden durch Hecktore verschlossen. An deren Außenseite wurden Katen für die Waldwärter gebaut. Ihre Bezeichnungen wie Steinfelder, Lokfelder, Heidekamper Heckkaten haben sich bis heute erhalten. Der Zweck der doch recht aufwändigen Aktion war es, das Wild hier zu halten, damit der Herzog bequem seiner Jagdleidenschaft frönen konnte. Man muss sich dazu vergegenwärtigen, dass es außer dem Schloss, ein paar Nebengebäuden, der Getreidemühle und der Schänke im näheren Umkreis keine Ansiedlungen gab. Das heutige Stadtgebiet war größtenteils noch Wildnis. Wie um eine späte Strafe für die zunehmende Verweltlichung des Reinfelder Klosters zu vollstrecken und einen endgültigen Schlussstrich unter seine Geschichte zu ziehen, brach im Herbst 1635 vermutlich durch Hochwasser und schweren Sturm der Damm des Herrenteichs. Die Wassermassen strömten in die tiefer gelegene Klosterstraße und unterspülten das Mauerwerk der Kirche. Das große Gebäude stürzte ein. Damit sich ein solches Unglück nicht wieder ereignen konnte, wurde die neue Kirche auf dem hochgelegenen „Eichberg" gebaut. Trümmerschutt der alten Kirche und mächtige Eichenbalken dienten als Baumaterial. Nach nur sechs Monaten war der Bau vollendet, dafür fiel das neue Gebäude wesentlich kleiner und schlichter aus. Auch ging der letzte Respekt vor der einstigen Größe des Klosters völlig verloren: die Grabplatten mit den Abbildern der früheren Äbte wurden kurzerhand als Fußbodenbelag verwendet. Am 2. Juli des Jahres 1636 wurde der Neubau feierlich geweiht. Eigentlich war sie nur als Notkirche gedachClaudius-Kirche Reinfeldt, doch die Klosterkirche wurde nie wieder aufgebaut. So steht die heutige Matthias-Claudius-Kirche fast unverändert bis heute dort. Die Grabplatten, die noch immer dort zu sehen sind, sowie einige Ziegel und Fliesen, die im Heimatmuseum ausgestellt werden, und ein renovierter Abschnitt der Klostermauer sind alles, was vom einstigen großen Kloster und seiner seiner Kirche übrig geblieben ist. Doch ein Gutes hatte die Katastrophe auch: Mit dem Neubau der Kirche wurde gleichzeitig der Grundstein für die Entstehung eines richtigen Dorfes Reinfeld gelegt. Rund um den neuen Mittelpunkt entstanden allmählich erste Häuser, der Kirchsteig wurde die erste Straße in Reinfeld. Die Schlossbediensteten wohnten im Schloss selbst, der herzogliche Amtmann in einem Gebäude am Schlossplatz. Weitere Häuser gab es in näherem 'Umkreis bis dahin kaum. Mit der Säkularisierung des Klosters begann auch die Umgestaltung des Abteigebietes zu einem "Herzoglichen Amt Reinfeld", welches ein Amtmann als Vertreter des Landesherrn leitete. Der Herzog selbst kam mit seiner großen Familie (er war Vater von 23 Kindern) jedes Jahr für einige Wochen nach Reinfeld. Wie das Kloster, so sah auch das Schloss nun oft hochgestellte Gäste. Durch den Amtssitz wurde das Dörfchen an der Heilsau langsam zum verwaltungsmäßigen Mittelpunkt der Region.
 

6. Die Entwicklung des Dorfes Reinfeld

Von Anfang an betrieben die Plöner Herzöge in Reinfeld den Aufbau einer Industrie, die sowohl den noch wenigen Einwohnern als auch der herzoglichen Kasse zugute kam. Aus den Wäldern wurde Nutzholz verkauft. Am Kalkgraben wurde eine Kupfermühle gebaut, an der Dröhnhorst folgte bald eine Messingmühle (ein Weg dort trägt noch heute diesen Namen). Das Metall kam aus Schweden, Ungarn und anderen fernen Ländern und wurde hier zu Platten und Blechen verarbeitet. Die Erzeugnisse der Reinfelder Metallindustrie wurden unter anderem nach Schweden, Russland, Portugal, Spanien und sogar nach Indien exportiert. Auch eine Münzwerkstätte wurde beim Schloss eingerichtet. Sie bestand allerdings nicht lange. Auf dem Schloss selbst gab es für die Söhne des Herzogs Joachim Ernst eine kleine Ritterakademie, die nach nur fünf Jahren 1654 wieder aufgelöst wurde. Die Entwicklung des jungen Heilsaudörfchens verlief freilich nicht immer ungestört. Die Wirren des dreißigjährigen Krieges verschonten auch Stormarn nicht. So steht zu lesen, dass "die Reinfeldischen Untertanen durch schwedische Reuther scharf mitgenommen wurden,“ die im Dezember 1643 unter dem General Torstenson hier einfielen. In den Jahren von 1653- 1660 hatte Reinfeld unter dem Krieg zwischen Schweden und Dänemark zu leiden. Schwedische, dänische, kurfürstlich-brandenburgische und polnische Soldaten brachten viel Leid und Schrecken über das Land. Viele Einwohner fielen Morden zum Opfer, die Zarpener Kirche wurde geplündert. Besonders die Polen, streng gläubige Katholiken, blieben der hiesigen evangelischen Bevölkerung noch lange in schlechter Erinnerung. Nachdem der Herzog 1671 gestorben war, erhielt sein ältester Sohn Johann Rudolph, meist Hans Adolf genannt, als Herzog zu Schleswig-Holstein die Ämter Plön, Ahrensbök, Reinfeld und Traventhal. Meddewade, Benstaben und Klein Wesenberg gehörten damals zum Amt Rethwisch. Herzog Hans Adolf machte sich zunächst in ganz Europa als Heerführer einen Namen. Für Reinfeld stiftete er ein Hospital- und Armenhaus und begründete eine Armenstiftung. 1704 starb er. Seine Witwe Dorothea Sophia erhielt nun den Titel einer Herzogin zu Reinfeld und wohnte im hiesigen Schloss.
Wir machen nun einen kleinen Sprung ins Jahr 1730. In diesem Jahr bezieht ihre ebenfalls früh verwitwete Schwiegertochter Dorothea Christina das Schloss als letzte Herzogin zu Reinfeld. Bei der Bevölkerung scheint sie sehr beliebt gewesen zu sein. Sie galt als warmherzig, der Kirche sehr verbunden und hat sehr viel für die kleine Gemeinde getan. Wiederholt ließ sie der Kirche und dem Pastorat Spenden zukommen, kümmerte sich um die Versorgung der Predigerwitwen und rief eine "Schul- und Armenstiftung für Studierende aus plönischen Landen" ins Leben, die auch die hiesigen Lehrer unterstützte einschließlich der aus Lokfeld, Stubbendorf und sPrediger-Witwen-Hauseit 1805 Heidekamp. Während das Predigerwitwen-Haus am Lokfelder Damm restauriert wurde, wurde der "Plön'sche Stift", der sich gegenüber der Kirche befand, 1975 abgerissen. Geblieben sind ihr Wappen, das über dem Herrenstuhl in der Kirche zu sehen ist, mit den Initialen D. C. und der Jahreszahl 1737. In diesem jahr wurde der "Beamtenstuhl" zum Herrenstuhl umgebaut. Ebenfalls von Dorothea Christina gestiftet ist das Kruzifix über dem Altar. Die Herzogin starb 1762 und wurde in der Familiengruft in Plön beigesetzt. Obwohl sie viel dazu beigetragen, dass der kleine Ort weiter wachsen konnte, gehört sie zu den wenigen Persönlichkeiten, denen bis heute keine Straße, kein Platz oder Denkmal gewidmet wurden.
Bereits 1674 gab es die Schulpflicht, 1745 wurde eine allgemeine Schulordnung eingeführt. Was tat sich sonst noch in Reinfeld? Gab es um 1650 etwa 140-200 Einwohner, dazu noch über 30 vom Schlosshaushalt, so vermeldet ein Chronist gegen Ende des 18. Jahrhunderts bereits mehr als 800 Bewohner, fast 100 Häuser sowie "9 Krämer und Höker, 4 Grobschmiede, 4 Kleinschmiede, 4 Bäcker, 1 Färber, 4 Schlachter, 2 Lohgerber und Handwerker fast aller Art." Hinzu kamen eine Apotheke, ein Wirtshaus sowie zwei Brennereien und übertragen auf die heutige Zeit müsste man diese Zahlen verzehnfachen. Ein Hinweise darauf, wie lebendig der noch junge Ort schon damals war. Außerdem wohnten hier der Hebungsbeamte, der Actuar des Amtes und der Hausvogt und Branddirektor der Ämter Traventhal und Reinfeld.
 
 

7. Die Zeit der Dänen und der PreußenPortrait Matthias Claudius

Das 18. Jahrhundert hat Reinfeld sehr stark geprägt. In diese Zeit fällt auch die Geburt Matthias Claudius, des    größten Sohnes der Karpfenstadt, Matthias Claudius. Am 15. August 1740 kam er als Sohn des 14. Pastors hier zur Welt. Nach allem, was wir heute wissen, war sein Geburtshaus aber nicht das alte Pastorat , wie oft erzählt wird, sondern eines der Häuser schräg gegenüber an der Claudius-Straße. Seine Jugend verbrachte er in Reinfeld; im Alter von 15 Jahren kam er zunächst auf die Plöner Lateinschule. Vier Jahre später studierte er in Jena anfangs Theologie, dann Literatur. 1762 kehrte er an die Heilsau zurück, um 1768 nach einer kurzen Beschäftigung als Sekretär in Kopenhagen nach Hamburg zu ziehen. Im Jahr darauf fand er seine neue Heimat in Wandsbek. Anfangs arbeitete er als Journalist, dann wurde er, wie man heute sagen würde, für den kulturellen Teil der Zeitung "Der Wandsbecker Bothe" tätig. Unter Claudius' Einfluss wurde die Zeitung in ganz Deutschland bekannt, dennoch konnte sie sich nur bis 1775 halten. Matthias Claudius versuchte sich daraufhin in verschiedenen Berufen, widmete sich aber den größten Teil seiner Zeit der Schriftstellerei, obwohl ihm diese zu Lebzeiten nur wenig einbrachte. Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Kloppstock, Herder und Lessing prägten seine späteren Werke. Am 21. Januar 1815 starb ClaudiusClaudius-Denkmal in Hamburg. Er wurde auf dem Wandsbeker Friedhof begraben.
Die Stadt Reinfeld ehrt ihn heute unter anderem mit diesem Denkmal am Herrenteich. Der stilisierte Halbmond erinnert an eines seiner bekanntesten Gedichte "Der Mond ist aufgegangen." Man kann sich gut vorstellen, wie der Dichter diese Zeilen schrieb, während er in der Abenddämmerung am Ufer des Herrenteiches saß.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Nachdem im Jahre 1761 der letzte Plöner Herzog Friedrich Carl verstarb, ohne einen männlichen Nachkommen zu hinterlassen, gingen die plönischen Lande durch einen Erbvertrag an das dänische Königreich. Ein Jahr später starb auch die Reinfelder Herzogin Dorothea Christina. Das Schloss wurde nun nur noch vorn Amtsverwalter bewohnt und 1773 auf Abbruch an einen Ahrensburger Zimmermeister verkauft. Damit war auch dieses Kapitel der Reinfelder Geschichte abgeschlossen. Erst 1838 wurde, nachdem die Amts-Reinfelder Schulordnung reformiert worden war, hier ein Schulgebäude errichtet, welches nun die Fleckens- und Parzellistenschule aufnahm. Das Gebäude erfüllte diesen Zweck bis 1975. Die dänischen Verwaltungsbehörden begannen schon bald mit einer Neuordnung des kleinen Fleckens und seiner Umgebung. Von den 22 Amtsdörfern standen noch 8 in Leibeigenschaft zu den Klostervorwerken Steinhof und Neuhof. 1772 bekamen die Einwohner dieser Dörfer endlich ihre Freiheit und ihre Hufen zum Eigentum. Die großen Domänen und Vorwerke wurden vermessen und in 55 Parzellen aufgeteilt. Sie wurden größtenteils von Bauernsöhnen aus der Umgebung aufgekauft. Das alles geschah natürlich nicht ohne Hintergedanken: Außer der Bevölkerung kam die Neuordnung auch der Staatskasse zugute. In dieser Zeit wurde auch der hohe Zaun des ehemaligen Thiergartens niedergerissen, der noch an die Herzogszeit erinnerte. Mit Nachdruck wurde die Danisierung der Bevölkerung vorangetrieben. Von 1807 an wurden alle Erlasse in Dänisch veröffentlicht, ab 1811 wurde die Kenntnis der dänischen Sprache Voraussetzung für die Zulassung zu Staats- und Kirchenämtern. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Stormarn wieder Unruhen. 1806 flohen preußische Heeresteile nach der Schlacht von Jena und Auerstedt nordwärts. Nachdem sie von den Franzosen aus Lübeck vertrieben worden waren, versuchten sie sich in Hamberge festzusetzen. Bald darauf wurde Hamberge von den Franzosen besetzt. Später quartierten sich dort, wie auch in Rosenhagen und Steinfeld, russische Soldaten ein. Auch Reinfelder mussten zur Verpflegung der Soldaten beitragen. Ein weiteres Schicksal ereilte den aufblühenden Flecken 1823: Bis auf wenige Gebäude brannte das Dorf nieder, wurde aber schnell wieder aufgebaut und wuchs nun stetig. Eine Vielzahl neuer Häuser entstand an der Hauptstraße, der heutigen Paul-von-Schoenaich-Straße, der unteren Ahrensböker Straße, im Gebiet Alter/Neuer Garten und Hamburger Straße. Außerdem wurden die Gemeinden Hamberge und Hausfelde angeschlossen.
Mehrfach fiel bereits der Begriff  "Flecken". Reinfeld erhielt die Fleckensprivilegien erst 1840, zum Teil wurden sie jedoch schon früher genutzt. Die Fleckensrechte besagten in der Hauptsache, dass die Gewerbe- und Handeltreibenden des Fleckens ihre Erzeugnisse auch über die Fleckensgrenzen hinaus anbieten durften. Die Globalisierung war noch nicht erfunden worden. 1843-51 versuchten die Herzogtümer einen Aufstand gegen die Dänen, der aber scheiterte. Auch aus dem Heilsaugebiet zogen junge Männer mit in den Krieg. Anschließend brach unter einem streng dänischen Amtsverwalter wieder einmal eine schwere Zeit an. Erst nach der endgültigen Niederlage Dänemarks 1864 ging diese Amtszeit zu Ende. 1867 wurde eine preußische Verwaltung eingeführt, womit der Anschluss der Gemeinde an Deutschland bzw. Teilen davon hergestellt wurde. Auch verkehrstechnisch wurde ein wichtiger Anschluss an die weite Welt geschaffen: Am 1. August 1865 nahm die „Lübeck-Büchener-Eisenbahngesellschaft“ die nach drei Jahren Bauzeit fertiggestellte neue Verbindung von Lübeck nach Hamburg in Betrieb. Der Reinfelder Bahnhof, der sich seitdem äußerlich kaum verändert hat, gehörte damals allerdings noch zur Gemeinde Neuhof.
Mit der dänischen Herrschaft kam eine neue Verwaltung. Der Versuch, Dänisch als Amtssprache einzuführen, kam bei den sturen Holsteinern allerdings weniger gut an und scheiterte schließlich. Dazu trug auch ein Wahlreinfelder etwas bei: Joachim Mähl. 1827 in Niendorf (heute Hamburger Stadtteil) geboren, kam er 1854 als "Oberknabenlehrer" an die Reinfelder Schule, an der er bis 1889 (zuletzt als Obermädchenlehrer) wirkte. Mähl liebte seine plattdeutsche Muttersprache und war der Überzeugung, dass die Verwendung der jeweiligen Muttersprache auch im Unterricht vorteilhaft sei. So benutzte er sie auch in seiner Schule im Deutschunterricht.
Neben seinen Aufgaben als Lehrer betätigte er sich als Dichter und Übersetzer. In seinen Erzählungen berichtet er vom einfachen Landleben in Schleswig-Holstein. Ein besonderes Anliegen war es ihm, den einfacheren Menschen und plattdeutschen Muttersprachlern große Literatur näher zu bringen. So übertrug er einige bekannte Werke ins Plattdeutsche wie Goethes Reineke Fuchs und Cervantes' Don Quixote. Selbst die Bibel übersetzte er. Dabei nahm er nicht etwa eine direkte, wörtliche Übersetzung vor, sondern er verwendete typische plattdeutsche Ausdrucksweisen und Redewendungen, so dass seine Werke eher zu leicht verständlichen Nacherzählungen wurden ("ut frier Hand").
Joachim Mähl starb 1909 in Kiel und wurde in Niendorf beigesetzt. Heute erinnern an ihn eine Straße und eine Schule, die seinen Namen tragen.Heimatmuseum Reinfeld
Nach der Einführung der preußischen Verwaltung bekam der Flecken 1881 auch ein königlich-preußisches Amtsgericht. Heute beherbergt es das Heimatmuseum. Die beiden Löwen, die den Eingang bewachen, stammen allerdings vom ehemaligen Hotel "Stadt Hamburg".
Das nun schneller zunehmende Wachstum des Ortes machte bald auch eine größere Verwaltung erforderlich. So wurde auf dem Grund des zuvor abgerissenen Gasthofs "Zum Nordpol" ein Rathaus gebaut, das 1907 fertiggestellt und seiner Bestimmung übergeben wurde.
Rathaus reinfeld
 
 
 
 
 
Der große Baum, der am rechten Rand ins Bild ragt, ist die "Friedenseiche". Sie wurde anlässlich des Endes des deutsch-französischen Krieges und zum Gedenken an die Reinfelder Gefallenen 1873 gepflanzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Reinfelder Rathaus

  

8. Vom Flecken zur modernen Stadt

Kurz nach der Jahrhundertwende erkannten weitblickende Kaufleute das Potenzial der werdenden Stadt. Georg Stockmann und der Hamburger Carl Harz erwarben am Zuschlag sowie an der Ahrensböker Straße Land und begannen dort Villen für betuchte Bürger zu bauen. Der auch sozial sehr engagierte Carl Harz errichtete zudem ein Wohn- und Kurheim. Hier sollten sich vor allem Großstädter im Ruhestand in der schönen Natur erholen können. Nach dem Krieg wurde beiden eine Straße gewidmet. Die Namen Mahlmannstraße und Mahlmann-Wäldchen gehen auf den Reinfelder Rechtsanwalt Dr. Otto Mahlmann zurück, der ebenfalls um 1900 hier tätig war. Ihm gehörte u. a. Das zentrale Gelände des Vorwerks Neuhof, auf dem heute das Hochhaus steht. Er dürfte auch für die rechtlich korrekte Abwicklung der vielfältigen Bauvorhaben verantwortlich gewesen sein.
Den zunehmenden Wohlstand der späteren Karpfenstadt brachten die Reinfelder Bürger durch allerlei Verzierungen an ihren Häusern, Villen und Geschäften, vor allem in der Innenstadt, zum Ausdruck. Die Gebäude und Fassaden wurden mit französischen Balkonen, Säulen, Spitzgiebeln und Türmchen verziert. Einige davon sind bis heute im Zentrum erhalten geblieben.
Lange kämpfte der kleine Ort darum, die Stadtrechte zu erhalten. Eine Voraussetzung hierfür war unter anderem die Eingemeindung der Nachbargemeinden Steinhof und Neuhof. Nachdem zwischen Bürgermeister, Gemeindevorsteher und Kreistag alles Notwendige abgesprochen worden war, wurde die Eingemeindung schließlich mit Wirkung vom 15. Oktober 1925 vom preußischen Innenministerium in Berlin genehmigt. Das neue Reinfeld hatte nun schon fast 2700 Einwohner. Der erste Bürgermeister Reinfelds, Paul Katzschke, wurde zum Bürgermeister der Gesamtgemeinde gewählt. Am 4. November beschloss die Gemeindevertretung schließlich, die Fleckenverfassung von 1890 zu ändern. An die Stelle des Wortes "Flecken" trat nun die Bezeichnung "Stadt". Im Jahr darauf bekam Reinfeld mit Walter Stahmer den ersten hauptamtlichen Bürgermeister.
Im November 1928 (Wappenrolle Kreis Stormarn) oder April 1930 (Wappenrolle Schleswig-Holstein) wurde schließlich auch das vom Reinfelder Lithografen Josef Schreiber entworfene Stadtwappen aReinfeld-Flaggemtlich genehmigt (siehe Titel der Chronik). Es zeigt in der unteren Hälfte auf blauem Grund (für die Teiche) einen Karpfen, der damit endgültig zum Wappentier Reinfelds wurde. In der oberen Hälfte sehen wir auf rotem Grund in der Mitte einen goldenen Abtstab, der an das  Kloster Reynevelde erinnert, auf dessen Gründung die Geschichte Reinfelds beruht. Links und rechts   daneben symbolisieren zwei Ähren die ehemaligen Vorwerke Steinhof und Neuhof, die einst das  Kloster versorgten. Seit 1974 hat Reinfeld auch eine eigene Flagge.
 
Dank der herrlichen Lage inmitten von Wäldern und Seen entwickelte sich die junge Stadt bald zu einem beliebten Ausflugsziel und Naherholungsort. Ein Prospekt aus dem Jahr 1936 trägt die Überschrift "Reinfeld, die Perle des Kreises Stormarn". Und die Stadt tat viel, um diesem Anspruch weiterhin gerecht zu werden. Der zweite Weltkrieg ging an Reinfeld weitgehend vorbei, sieht man einmal von den politischen und wirtschaftlichen Wirren ab. Die Stadt blieb von Bomben verschont Allerdings trieb auch hier die allgemeine Not die Menschen in die Arme der NSDAP, die bald die Stadtverwaltung kontrollierte. Die alte Hauptstraße wurde in "Adolf-Hitler-Straße" umgetauft. Einige couragierte Reinfelder Bürger, darunter Carl Harz und Paul von Schoenaich, hatten vergeblich versucht, mit allerlei Veröffentlichungen gegen die NS-Herrschaft und den Krieg Stimmung zu machen. Harz, der gegen jede Form von Extremismus eintrat, wurde für seine soziale und menschenfreundliche  Einstellung inhaftiert. 1943 starb er im Lübecker Gefängnis Lauerhof.
Paul von Schoenaich, am 16. 2. 1866 als Paul Eugen Freiherr von Hoverbeck im westpreußischen Klein Tromnau geboren, diente im ersten Weltkrieg noch als Offizier der preußischen Armee in Frankreich und in Polen. Nach seiner Dienstzeit wurde er zum überzeugten Pazifisten. Er, der die Grauen des Krieges kennengelernt hatte, wandte sich nun gegen den Krieg und sprach sich für eine Aussöhnung mit Russland aus. Nach seinem erzwungenen Abschied aus der Reichswehr im Range eines Generalmajors zog er 1919 nach Reinfeld. Hier blieb er keineswegs untätig, sondern wandte sich mit Büchern, Zeitungsartikeln und Vorträgen an die Öffentlichkeit. 1925 gehörte er gemeinsam mit Bertrand Russell und Albert Einstein zu den Unterzeichnern des "Manifests gegen die Wehrpflicht". Er schloss sich der Deutschen Friedensgesellschaft DFG an, deren Präsident er von 1929-33 sowie 1946-51 war. Schon früh erkannte er die Schwächen der Weimarer Republik und warnte eindringlich vor den Gefahren des aufkommenden Extremismus, insbesondere des Nationalsozialismus.

Gedenkstein Schoenaich

Gedenkstein für Paul von Schoenaich

 

 1933 wurde die DFG verboten und von Schoenaich wegen seiner Mitgliedschaft verhaftet. Nach einem Hungerstreik in seinem Reinfelder Kerker verbrachte er 10 Wochen im Gefängnis in Hamburg-Altona, bis er unter strengen Auflagen freigelassen wurde. Während der Kriegsjahre führte er ein geheimes Tagebuch, das er 1947 veröffentlichte. In der noch jungen Bundesrepublik kämpfte Paul von Schoenaich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und setzte sich vehement für eine Volksbefragung dazu ein. Sein unermüdlicher Einsatz für Frieden und Abrüstung brachte ihm schließlich den Beinamen "Friedensgeneral" ein.
Am 7. Januar 1954 starb er im Alter von fast 88 Jahren. Neben der Paul-von-Schoenaich-Straße erinnert seit wenigen Jahren auch ein Gedenkstein an den mutigen Kriegsgegner.
Während der Kriegszeit litt vor allem der Schulbetrieb. Gegen Kriegsende diente die Schule wie auch das Kurheim und andere Gebäude als Lazarett und später als Unterkunft für ehemalige Gefangene und Flüchtlinge. Am stärksten beeinflusst wurde Reinfeld durch die große Zahl von Flüchtlingen, die gegen Ende des Krieges und in den ersten Jahren danach aus Ostpreußen und Pommern in die nicht russisch besetzten Zonen strömten. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich in kurzer Zeit von knapp 3000 auf gut 6000. Auch die Kirche musste Opfer bringen. 1943 mussten die erst 1925 angeschafften Glocken für Kriegszwecke zur Verfügung gestellt werden. 1945 marschierten britische Truppen in die Karpfenstadt ein. Der 1933 von den Nationalsozialisten pensionierte Lübecker Senator Eckholt wurde zum Bürgermeister bestimmt, der Friseur und Gastwirt H.W. Schmidt wurde Bürgervorsteher. Unter der Leitung eines englischen Bildungsoffiziers wurde noch im selben Jahr der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Da die Schule angesichts der stark steigenden Schülerzahlen bald viel zu klein wurde, wurde 1949 beschlossen, ein neues Gebäude zu errichten. In mehreren Abschnitten entstand bis 1972 die Matthias-Claudius-Schule. Nur vier Jahre später begannen die Arbeiten für die heutige Joachim-Mähl-Schule.
Die Nachkriegszeit brachte für die Karpfenstadt große Veränderungen. Viele Flüchtlinge aus dem Osten blieben in der Stadt. Natürlich benötigten sie auch Wohnraum und so entstanden neue Siedlungen, deren Namen an die "alte Heimat" erinnern, wie z.B. Heimstättenstraße, Ostlandring, Pommernweg. Die Siedlung zwischen der Bahn und der B75 erinnert mit den Straßen Körliner Straße, Schauberg, Karlsberg, Kolberger Straße an die Patenstadt Körlin.
Das Wirtschaftswunder der 50er Jahre brachte der Region wirtschaftlichen Aufschwung und trug wesentlich mit dazu bei, dass sich die Flüchtlinge schnell integrierten und Arbeit fanden. Die 1944 wieder aufgebaute Claudius-Mühle war eine der modernsten ihrer Art in Norddeutschland. Die 1952 gebaute Genossenschaftsmeierei an der B75 (heute Duräumat) lieferte auch nach Hamburg und Berlin. Einen weiteren festen Platz im Wirtschaftsleben sicherten sich die "Küchenmöbelfabrikanten Eriksen und Sohn", die hier die bekannten Lundia-Regale herstellten, sowie das Sägewerk Wilhelm Bohm, das Reinfeld selbst im Ausland bekannt machte. Seit 1951 wurden in Reinfeld Damenstrümpfe hergestellt. Nach der Übernahme der Fabrik durch die "Margaritoff & Schaffer Strumpfwerke" wurden die Opal-Strümpfe zu einem weltweiten Begriff. Mit fast 1000 Mitarbeitern wurde das Werk der größte Arbeitgeber in der näheren Umgebung. Werksbusse brachten die Auswärtigen an ihre Arbeitsplätze, in Herrenhusen entstand eine Werkssiedlung. Nach einer Pleite und dem späteren Verkauf der Fabrik zog hier ein Hersteller von Getränkeautomaten ein.
Der Holstenhof, ein Erholungsheim der Hamburger Hochbahn AG, und das großzügige Kurheim der LVA Hamburg am Schwarzen Teich unterstreichen den hohen Stellenwert Reinfelds als Erholungsort.
Anfang der 60er Jahre wurden endlich auch die letzten älteren Häuser an die Kanalisation und die Wasserversorgung angeschlossen. Bis dahin fanden sich in vielen der damals noch zahlreichen Hinterhöfe Brunnen und Plumpsklos. Die "Kanalisation" kam per Lastwagen. Kam das Fahrzeug in Sicht, schallte der Ruf "die Pütschermänner kommen!" durch die Straße und schnell wurden die Fenster geschlossen, denn beim Entleeren der Eimer und Tonnen in den Tankwagen ging schon mal etwas daneben. Bei den Kurgästen, die meist aus Großstädten kamen, rief dieses Schauspiel ungläubiges Staunen hervor.
Zu einem bundesweiten Begriff wurde das Reinfelder Heimatfest, besser bekannt als "Karpfenfest". Das alljährliche Abfischen hat schon eine lange Tradition; seit 1949 wurde daraus ein großes Fest. Alle zwei Jahre, in Jahren mit ungerader Jahreszahl, wurde dieses Fest am zweiten Sonntag im Oktober veranstaltet. Von Jahr zu Jahr wurde es immer größer, der kunstvoll gestaltete historische Festzug wurde sogar im Fernsehen gezeigt und somit weithin bekannt. Schon 1949 säumten rund 20000 Schaulustige die Straßen. Mit Sonderzügen kamen Besucher aus Hamburg, Lübeck und Kiel zu den Festen. Der mächtige Karpfen als Symbol der Stadt, die Mönche, Meeresgott Neptun mit Dreizack und Matthias Claudius mit Familie, alle von Reinfelder Bürgern dargestellt, gehörten zum Umzug. Darin mitwirken zu dürfen, galt als große Ehre. Anfang der 70er Jahre ging die Zeit der großen Feste vorüber. Nachlassendes Interesse und Sparzwänge führten dazu, dass das große Fest auf einen Herbstmarkt rund um das Abfischen reduziert wurde. Erst zum 800-jährigen Jubiläum 1986 lebte die Tradition noch einmal auf.
Die Einwohnerzahl erhöhte sich bis heute auf über 8500, neue Wohngebiete wurden erschlossen. Doch die einst so lebhafte Stadt wurde langsam zur "Schlafstadt". Viele Bürger aus umliegenden Großstädten lernten die ruhige und schöne Wohnlage zu schätzen. Während jedoch früher viele Pendler zur Arbeit nach Reinfeld kamen, so fahren heute viele nach außerhalb. Nach gut 800 Jahren ist aus der ehemaligen Klostersiedlung in der Wildnis allen Anzeichen zum Trotz keine Großstadt geworden, sondern der liebenswerte Kleinstadtcharme blieb bisher erhalten. Allerdings muss die Stadt heute aufpassen, dass sie bei allen, zum Teil notwendigen, Veränderungen ihren besonderen Charakter bewahrt.

 

9. Quellen

Johannes Wolters, „Aus Reinfelds Vergangenheit"
Martin Clasen, „Zwischen Lübeck und dem Limes"
Friedrich Bangert, „Geschichte der Stadt und des Kirchspiels Bad Oldesloe"
Broschüre „Reinfeld, die Perle Stormarns" von 1936
F. H. Grautoff, „Die lübeckischen Chroniken“
Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte
Bayerische Staatsbibliothek
Heimatmuseum Reinfeld: Erich Katzschke, Bodo Zunk, Bernd Prange, Rainer Hesse
Wikipedia
 
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http://www.reinfeld.de